Eine Religion der Höflichkeit, der Freundlichkeit und guten Benehmens:

 

Gemäß den Worten des Propheten – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – wird es für die Menschen am Tage des Gerichts ernsthafte böse Folgen haben, wenn sie der Höflichkeit und Freundlichkeit nicht den gebührenden Wert beimessen. Der Prophet – Segen und Friede Allahs seien auf ihm -, der selbst das beste Beispiel für alle denkbaren Aspekte menschlichen Daseins lieferte, war auch in dieser Hinsicht ein vollkommenes Vorbild. Wenn er bei einem seiner Gefährten – Allah möge mit ihnen allen zufrieden sein – irgendeinen Fehler entdeckte, korrigierte er ihn, ohne ihn dabei zu beleidigen. Anstatt zum Beispiel den Betreffenden direkt anzusprechen, machte er eine allgemeine Aussage, wie: „Mir ist aufgefallen, daß manche Dieses oder Jenes tun“, wodurch er den Fehler des Einzelnen bedeckte, statt ihn bloßzustellen.

 

Eine Religion des Rechts und der Gerechtigkeit:

 

Eines der grundlegenden Konzepte, die der Islam bei jeder Gelegenheit betont, ist das Konzept von Recht und Gerechtigkeit. Im Islam gilt es, nach der Götzenanbetung, als die unverzeihlichste Sünde, die Rechte anderer zu verletzen. Der Prophet – Allahs segne ihn und schenke ihm Frieden – betonte noch während der Zeit seiner schwersten Krankheit, die schließlich zu seinem Tode führte, wie wichtig es ist, die Rechte anderer zu achten, indem er persönlich zur Moschee ging und öffentlich darum bat, alle etwa noch ihm gegenüber bestehenden Rechte geltend zu machen. Er sagte:

„O meine Gefährten! Falls ich irgend etwas versehentlich in meinen Besitz genommen habe, was einem von euch gehört, so ist hier mein Besitz und er soll es nehmen. Falls ich irgendeinen von euch versehentlich auf den Rücken geschlagen habe, so ist hier mein Rücken. Laßt ihn mich schlagen und so seine Vergeltung üben.“ 

 

Das islamische Konzept von Gerechtigkeit, das auf solch einem starken Fundament ruht, stellt den Höhepunkt der Perfektion dar und erfüllt alle Gelehrten, die es studieren, mit bewunderndem Staunen. Nachdem er alle Rechtssysteme untersucht hatte, stellte der französische Philosoph Lafayet, der später eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung des ideologischen Unterbaus der französischen Revolution spielte, voller Bewunderung fest:

„O Muhammad! Keiner erreicht Deine Stufe in der Verwirklichung der Gerechtigkeit!“

Die Geschichte des Islam ist voller Anekdoten, die die Bedeutung der Gerechtigkeit innerhalb islamischer Gesellschaften belegen.

Einmal, so wird berichtet, brachte ein Mann ein Pferd mit vom Markt. Obwohl das Pferd einen jungen und kräftigen Eindruck machte, starb es nach drei Tagen. Der Käufer hatte den Verdacht, der Verkäufer könnte das Pferd vergiftet haben, um sich für einen früheren Streit zu rächen. Drei Tage lang versuchte er, den Richter aufzusuchen, doch traf er diesen nie an. So ließ er einen Tierarzt kommen, der seinen Verdacht bestätigte. Als der Richter dann von seiner Reise zurückgekehrt war, suchte ihn der Käufer des Pferdes auf.

 „Warum bist du nicht direkt zu mir gekommen, damit ich selbst das Tier hätte anschauen können?“

fragte ihn der Richter.

„Herr Richter, ich bin drei Tage lang täglich hergelaufen, doch ihr wart nicht da!“

entgegnete der Kläger.

 

„Das stimmt“, sagte der Richter, „meine Mutter ist verstorben und deshalb bin ich in meine Heimatstadt gereist, um an ihrem Begräbnis teilzunehmen.“

Nachdem der Richter eine Weile nachgedacht hatte, wandte er sich schließlich an seinen Schreiber und verkündete sein Urteil, in dem die Angelegenheit folgendermaßen entschieden wurde:

„Die Abwesenheit des Richters vom Gericht führte zu einem Schaden für den Kläger. Demzufolge trägt der Richter die dem Kläger durch diesen Schaden entstandenen Kosten.“

 

Der Islam ist, kurzgesagt, eine Religion der Gerechtigkeit, sowohl im materiellen wie auch im spirituellen Bereich. Deshalb nannten unsere Vorfahren Menschen, die das Recht respektierten und Gerechtigkeit übten, ohne formell dem Islam anzugehören, ‚Muslime ohne Religion’. Im Gegensatz dazu wurden solche Muslime, die sich nicht an Recht und Gerechtigkeit hielten als ‚ungläubige Muslime’ bezeichnet. Wenn der Islam aufrichtig praktiziert wird, ist er fähig, die Seele von jeglicher Art von Unvollkommenheit zu reinigen. Nur der Islam ist in der Lage, Menschen, die Opfer ihrer niederen Wünsche und Begierden geworden sind, aus den tiefsten Tiefen zu Stufen erhabenster Höhen zu führen.

 

Der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – sagte:

„Wenn einer der Diener Allahs den Islam annimmt und praktiziert, werden all seine früheren guten Taten angenommen und all seine früheren Sünden werden ihm vergeben. Von diesem Moment an werden all seine guten Taten zehn- bis siebenhundertfach belohnt, seine Sünden jedoch werden (im Buch seiner Taten) nur einmal gezählt, es sei denn, Allah vergibt sie ihm ganz.“

 

Von den Anfangstagen der Religion an hat es immer solche gegeben, die sich weigerten, ihre Rechtleitung anzuerkennen und statt dessen vorzogen, als Sklaven des Schaytân (Satan) ihren niedern Gelüsten zu folgen. Dafür gibt es in der Geschichte des Islam zahllose Beispiele. Obwohl die Bewohner Mekkas die Vertrauenswürdigkeit des Propheten Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – anerkannten, weigerten sie sich, seine neues Leben spendende Botschaft anzunehmen. Sie begriffen die Wirklichkeit des Islam durch ihr von niederen Beweggründen bestimmtes Bewußtsein und stürzten demzufolge hinab in die Abgründe des Unglaubens.

 

Auch die Juden und Christen hatten seit Jahrhunderten das Kommen eines neuen Propheten vorhergesagt, doch als der Prophet Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – schließlich erschien, lehnten sie ihn aus Stolz und Bigotterie ab, weil er aus einem anderen Volke stammte. Speziell die Juden, die schon eine lange Geschichte der Ablehnung und Ermordung von Pro-pheten hinter sich hatten, übertrafen alle anderen in ihrer Ablehnung des Islam.

 

Der folgende Vorfall belegt diese Tatsache mit großer Klarheit:

 

Eines Tages trug der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – einigen Juden folgenden Vers aus dem heiligen Qur’ân vor:

„Und wenn sie mit dir streiten, so sprich: ‚Ich habe mich ganz Allah hingegeben und (auch) diejenigen die mir folgen’ und sprich zu denjenigen, denen die Schrift gegeben wurde und zu den des Lesens Unkundigen: ‚Gebt (auch) ihr euch hin?’ Und wenn sie sich unterwerfen, so sind sie wahrlich rechtgeleitet. Und wenn sie sich abwenden, so ist deine Pflicht nur, die Botschaft zu verkünden und Allah ist der (stets) auf die Diener Schauende.“ 

Nachdem er ihnen diesen Vers vorgetragen hatte, fragte er sie:

„Nehmt ihr den Islam an?“

Die Juden antworteten: „Ja, wir nehmen ihn an!“

Daraufhin stellte der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – ihnen folgende Frage:

„Akzeptiert ihr auch, daß ´Îsâ (Jesus) – Friede sei auf ihm – Allahs Wort, sein Diener und Gesandter ist?“

Da antworteten sie:

„Nein, möge Allah uns vor solch einem Irrtum bewahren!“

So wurden diese Juden, weil sie ´Îsâ – Friede sei auf ihm – als Propheten Allahs ablehnten, zu bedauernswerten Ungläubigen.

 

Er fragte die Christen:

„Bezeugt ihr, daß ´Îsâ (Jesus) – Friede sei auf ihm – Allahs Wort und Sein Gesandter ist?“

Die Christen antworteten:

„Wie kann es sein, daß ´Îsâ – Friede sei auf ihm – ein Geschöpf Allahs sein soll, wo er doch Allahs Sohn ist?“

Bei einer anderen Gelegenheit ging der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – zu einer Schule jüdischer Gelehrter und lud sie ein, den Islam anzunehmen.

Nu´aym ibn Hârith und Zaid fragten ihn:

„Was ist deine Religion?“

Der Prophet – auf ihm sei der Segen und Friede Allahs – antwortete:

„Ich gehöre der Religion Ibrahims (Abrahams) an.“

Als sie dies hörten, behaupteten sie:

„Ibrahim war ein Jude!“

Der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – sagte:

„Wenn das so ist, dann laßt die Thora zwischen uns entscheiden!“

Die Juden zögerten zuerst und lehnten dann sein Angebot ab. Unter ihnen war ein großer Gelehrter namens ´Abdullah ibn Salâm, den sie immer wegen seines großen Wissens priesen. Als er jedoch den Islam annahm, hörten sie auf, ihn zu loben und fingen an, ihn zu verfluchen. Sie verfälschten die Kapitel in ihren Schriften, die das Kommen des Propheten Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – vorhersagten. Im Qur’ân wird diese Angelegenheit so beschrieben:

„Und wehe denen, die die Schrift mit ihren Händen schreiben und dann sagen: ‚Dies ist von Allah’, um sich dafür einen kleinen Gewinn zu erkaufen. Und wehe ihnen wegen dem, was ihre Hände schreiben und wehe ihnen wegen des Gewinns, den sie erwerben.“ 

„Unter den Juden gibt es diejenigen, die die Worte von ihrem Platz entfernen und verfälschen.“ 

„Und sie verfälschen das Wort, indem sie es von seinem Platz entfernen.“ 

 

All diese Aktivitäten sind Anzeichen dafür, daß Juden und Christen ihre Religion entsprechend ihren eigenen Wünschen verfälscht und damit die Authentizität ihrer Lehre zerstört haben. Die älteste Abschrift der Thora, die heutzutage zugänglich ist, entstammt dem 9. Jahrhundert vor Christus, so daß eine beträchtliche Spanne zwischen der Zeit des Mûsâ (Moses) und der Niederschrift dieser Thora besteht. Diejenigen, die heute im Islam nach Reformen rufen, haben unglücklicherweise das gleiche Ziel, nämlich: die Religion soweit zu verfälschen, bis sie ihren Vorstellungen und Wünschen entspricht. Wie zu früheren Zeiten verstecken auch sie ihre verborgenen Absichten hinter schönen Worten.

 

Der menschliche Verstand kann weder die Weisheit noch die verborgenen Ziele der Schöpfung des Universums vollständig begreifen, weil dieses aus der Allmacht und Allwissenheit Allahs heraus erschaffen wurde. Allah kennt die Natur des Menschen am Besten, denn Er ist es, der ihn erschuf. So entsprechen Seine das Leben des Menschen betreffenden Gebote und Verbote dessen Veranlagungen.

 

Ein Bewußtsein, welches nicht im Geiste der göttlichen Offenbarung geprägt wurde, ist unfähig, diese Realität zu erkennen. Ein gesunder Verstand wird jedoch letztendlich niemals die Tatsache bestreiten können, daß der Schöpfer Seine Schöpfung am Besten kennt und deshalb am ehesten in der Lage ist, sie zu der für sie geeigneten Lebensweise zu führen. So können wir sagen, daß der Islam die einzige Religion ist, die in idealer Weise der Natur des Menschen gerecht wird.

 

Allah der Allmächtige hat in Seiner grenzenlosen Gnade der Mensch-heit den Islam als universelle Religion gesandt. Mit dem Islam hat Er ein ideales und leicht zu begreifendes System der Lebensführung geschaffen. Der Islam ist als Religion in der Lage, jede das Leben betreffende Frage, die dem Menschen in den Sinn kommen könnte, zu beantworten. Zum Beispiel gehen Träume über die rein physische Realität unseres Daseins hinaus, da sie sich nur in unserem Bewußtsein abspielen. Trotzdem mißt der Islam Träumen einen Wert bei und erklärt ihre Bedeutung.

 

Jedes Wertesystem, das auf Regeln beruht, die irgendeinen fundamentalen Aspekt der menschlichen Natur ignorieren, wird vom Wesen des Menschen abgelehnt und letztendlich mißachtet werden. Beispielweise ignorieren die Katholiken das Bedürfnis eines jeden Menschen, eine Familie zu haben und verbieten ihren Priestern, Nonnen und Mönchen die Heirat. Ein solches Gesetz steht im Gegensatz zur menschlichen Natur und führt den Menschen am Ende unweigerlich zum Ungehorsam.

 

Das Wesen des Menschen beinhaltet sowohl veränderliche als auch unveränderliche Charakteristiken. Religiöse Systeme, die die unveränderlichen Eigenschaften der menschlichen Natur ignorieren, können ihren Geltungsanspruch nicht auf unbegrenzte Zeit aufrecht erhalten. Die menschlichen Wesenszüge sprengen die ihnen angelegten Fesseln. Zum Beispiel litt das westliche Europa unter der Herrschaft eines verwässerten Christentums, bis seine Bewohner es schließlich aus ihrem Leben verbannten und sich dafür entschieden, ihre Religion hinter den Kirchenmauern zu verstecken.

 

Traurigerweise haben viele Christen wegen der unnatürlichen Tendenzen des christlichen Glaubens der Religion insgesamt vollständig den Rücken gekehrt. Darüber hinaus haben sogar einige ‚Christen’, weil der grundlegende Glaube an eine Art höheren Wesens eben der menschli-chen Natur entspricht, angefangen, Satan anzubeten.

 

Der Islam hingegen trägt der auf das Göttliche ausgerichteten Natur des Menschen Rechnung und wird deshalb niemals unzeitgemäß sein. So sind beispielsweise Frauen in der Regel gefühlsbetonter als Männer und deshalb in bestimmten juristischen Fällen weniger als Zeugen geeignet, da sonst die Gerechtigkeit beeinträchtigt werden könnte.

 

Die Gebote Allahs verhindern, daß negative Charaktereigenschaften des Menschen sich entwickeln und ihn kontrollieren. Darüber hinaus unterstützen sie uns dabei, positive Charakterzüge zu entwickeln. Dennoch gewährt uns der Islam die Freiheit, unser Leben, entsprechend den sich in verschiedenen Bereichen ständig verändernden Lebensbedingungen, zu organisieren. Diese Freiheit wird dem Menschen zu seinem eigenen Nutzen gewährt. Für die ständigen Veränderungen unterliegenden Aspekte des Lebens gibt es keine feststehenden Regeln. Der Islam ist also eine realistische Religion, die der Wirklichkeit der menschlichen Natur entspricht.

Es läßt sich auch feststellen, daß das Wesen des Menschen, wenn es sich frei von umgebendem gesellschaftlichem Druck entfaltet, eher zum Positiven als zum Negativen neigt. Dem verlieh auch der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – Ausdruck, als er sagte, daß jedes Neugeborene mit einer natürli-chen Disposition zum Islam geboren wird. So berichtete Abû Huraira – möge Allah mit ihm zufrieden sein:

„Der Prophet sagte: ‚Jedes Kind wird im Zustand natürlicher Ergebenheit (Fitra) geboren, - dann machen seine Eltern es zum Juden oder Christen oder Zoroastrier (Majûsî) - so wie ein Tier sein Junges zur Welt bringt. Findet ihr, daß es mißgestaltet ist?’“

 

Als Folge von Allahs allumfassender Barmherzigkeit, die stärker ist als Sein Zorn, herrscht Friede und Einklang im Universum. In einem Wald können wir beobachten, wie große und wilde Tiere Seite an Seite mit kleinen und schwachen leben. Dasselbe gilt auch für die Krone der Schöpfung: den Menschen. Obwohl er sowohl positive wie auch negative Eigenschaften besitzt, besteht, solange wie die positiven die negativen überwiegen, ein Zustand, in dem die negativen Charakteristika sich nicht gänzlich frei nach außen hin manifestieren können.

 

Allerdings wird diese positive Natur ständig auf die in der obigen prophetischen Überlieferung erwähnte Weise durch das Zusammenwirken gesellschaftlicher Einflüsse korrumpiert. Der Islam ist durch die Lebensweise, die er mit sich bringt, bestrebt, diese ursprünglich menschliche Natur zu bewahren, um die von Allah dem Allmächtigen dem Men-schen geschenkte spirituelle Reinheit durchscheinen zu lassen. Der Islam verlangt nicht, sämtliche negativen Merkmale der menschlichen Natur auszumerzen.

Zum Beispiel lenkt und beschränkt der Islam unsere sexuellen Erfahrungen im Rahmen von Ehe und Familie und sichert so den Fortbestand der Menschheit, anstatt, wie von einigen modernen psychologischen Strömungen empfohlen, dem sexuellen Verlangen völlig freie Bahn zu gewähren. Der Islam fördert die Befriedigung dieses natürlichen Bedürfnisses im Rahmen der Ehe und ist so fähig, den Sexualtrieb in seinem göttlich bestimmten Sinn zu nutzen, indem er rechtschaffene Nachkommenschaft hervorbringt.

 

 

In Bezug auf den Besitz materieller Güter lehrt der Islam, daß der wahre Besitzer aller Dinge Allah ist. Die Gläubigen werden dazu gebracht, ihren Wohlstand lieber zum Nutzen Anderer einzusetzen als ihr Leben ganz dem Ziel, Besitz ausschließlich zum persönlichen Vorteil anzuhäufen, unterzuordnen. Der Islam fördert eher das Wachstum gegenseitiger Anerkennung und Kooperation mit Anderen als Eifersucht und Konkurrenz.

 

In ebensolcher Weise koordiniert der Islam die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen. Er verankert die menschlichen Fragestellungen auf dem Fundament der göttlichen Offenbarung, ohne deren geistige Grundlagen der ungezügelte Verstand in der Lage wäre, den Menschen zu lächerlichen Ergebnissen zu führen. Dies ist die Ursache dafür, daß viele Philosophen untereinander die Gültigkeit des Weltbildes des jeweils anderen geleugnet haben. Darüber hinaus galt es zum Beispiel im antiken Athen als akzeptable, ja sogar bewundernswert Handlung, zu stehlen, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Die Diebe wurden geduldet und nicht belangt, weil ihr Diebstahl als Ausdruck hoher Intelligenz angesehen wurde.

 

Obwohl Diebstahl an sich offensichtlich ein Verbre-chen ist, wurde es rein verstandesmäßig, ohne die Hilfe durch göttliche Offenbarung, nicht als solches wahrgenommen. Wenn der menschliche Verstand nicht fähig ist, das Offensichtliche wahrzunehmen, wie kann er dann darauf hoffen, in Hinblick auf weitaus komplexere Angelegenheiten zu erkennen, was wahr ist. Wenn der Verstand als einzige Richtschnur akzeptiert wird, werden zwangsläufig Situationen entstehen, in denen von zwei Alternativen alle beide richtig erscheinen, so daß die Gerechtigkeit letztendlich auf der Strecke bleibt.

Die folgende Geschichte berichtet in treffender Weise von einem solchen Fall:

Im alten Athen hatte ein Student der Rechtswissenschaft mit seinem Professor einen Vertrag geschlossen, daß dieser ihn in der Jurisprudenz ausbilden solle. Die Vereinbarung besagte, daß der Student die eine Hälfte des festgelegten Entgeltes am Ende seiner Ausbildung zu zahlen habe, die zweite Hälfte dann, wenn er seinen ersten Prozeß gewonnen habe. Als seine Ausbildung abgeschlossen war, teilte der Student seinem Lehrer mit, daß die erste Rate, die er ihm gezahlt hatte, seiner Ansicht nach ausreichend sei und er nicht beabsichtige, die zweite Rate zu zahlen, selbst wenn er den ersten Gerichtsstreit gewönne.

 

Daraufhin verklagte der Rechtsprofessor seinen Studenten wegen Ver-tragsbruches vor Gericht. Als der Streit dem Gericht vorgetragen wurde, erklärte der Professor dem Richter: „Egal, wie der Prozeß ausgeht, werde ich mein Geld in jedem Fall bekommen.“ „Wieso das?“ fragte ihn der Richter, woraufhin der Professor erläuterte: „Wenn ich den Prozeß gewinne, wird mein Student durch den Gerichtsbeschluß verpflichtet, das Ausbildungshonorar zu zahlen. Nicht zu bezahlen, hieße, sich dem Urteil des Gerichtes zu widersetzen, was wohl unmöglich ist. Verliere ich dagegen den Fall, bedeutet das, daß mein Student seinen ersten Prozeß gewonnen hat und mir deshalb aufgrund unserer Vereinbarung die zweite Rate des Honorars zahlen muß.“ Der Student, offensichtlich ein gelehriger Schüler seines Meisters, entgegnete daraufhin: „Ganz im Gegen-teil, ich werde die zweite Rate des Honorars keinesfalls zahlen, ganz gleich, ob ich den Fall gewinne oder verliere.“ Der Richter bat ihn, ebenfalls seine Sicht der Dinge darzulegen, woraufhin der Student erklärte: „Falls ich den Prozeß gewinne, darf ich auf keinen Fall bezahlen, da ich ansonsten dem Urteil des Gerichts zuwiderhandeln würde, was völlig inakzeptabel wäre. Verliere ich dagegen den Fall, so habe ich, aufgrund der Ver-einbarung, die eine Zahlung nur in dem Falle vorsieht, daß ich meinen ersten Prozeß gewinne, ebenfalls nichts zu zahlen.“

Wie dieses Beispiel belegt, ist der menschliche Verstand in der Lage, aufgrund gleichermaßen annehmbarer Voraussetzungen zu völlig gegensätzlichen Ergebnissen zu gelangen. Dies ist eine unausweichliche Folge der Ablehnung göttlich offenbarter Regeln. Der Islam verleiht dem Verhältnis von Widersachern durch Betonung der hohen Bedeutung des Respekts gegenüber dem Recht des Anderen eine andere Dimension. Der Islam lehrt die Menschen, mehr auf die Bedürfnisse Anderer als auf die eigenen zu achten. Dies wird besonders deutlich anhand des Prophetenwortes:

„Derjenige, der ruhig schläft während seine Nachbarn hungern, gehört nicht zu uns.“

 

In dieser Weise transformiert der Islam seine Anhänger zu in Liebe verbundenen Brüdern und Schwestern, die umeinander besorgt und stets bereit sind, miteinander zu teilen. In vorislamischer Zeit waren die Araber berühmt wegen ihrer Feindseligkeit, ihrer Gnadenlosigkeit und ihrer Raubzüge und Plünderungen. Ihre Herzlosigkeit war so groß, daß sie ihre neugeborenen Töchter lebendig begruben, weil die Geburt einer Tochter ihnen als Schande galt.

Von der Blutrache bestimmte endlose Stammesfehden waren bei ihnen an der Tagesordnung, die Starken unterdrückten die Schwachen und das geltende Gesetz war das Recht des Stärkeren. Der berühmte türkische Dichter Mehmet Akif beschreibt diese schrecklichen Gesellschaftsbedingungen treffend mit den Worten:

„Besäße der Mensch keine Zähne, seine Brüder fräßen ihn auf.“

Mit der Ankunft des Islam jedoch wurden sie zu einem der tugendhaftesten und edelsten Völker der Welt. Diejenigen, die zuvor begierig waren, das Blut des anderen zu trinken, erlangten durch den Islam eine Stufe, die sie dazu inspirierte, selbst im Angesicht des Todes das Wohl des Anderen über ihr eigenes zu stellen. Der folgende, von dem ehrwürdigen Prophetengefährten Hudhaifa – möge Allah mit ihm zufrieden sein – überlieferte, Zwischenfall zeigt, welch hohes Maß an Mitgefühl und Großzügigkeit die Mitglieder der frühen Gemeinschaft verkörperten.

Hudhaifa suchte auf dem Schachtfeld von Yarmûk nach Überlebenden des Kampf

es. Später erzählte er:

„Als die Kämpfe etwas abgeflaut waren, lagen eine Reihe von Muslimen sterbend auf dem glühendheißen Sand. Ich sammelte meine Kräfte und fing an, nach meinem Neffen Harith zu suchen. Ich lief zwischen den Verwundeten, von denen viele in ihren letzten Atemzügen lagen, umher, bis ich ihn schließlich fand. Er lag in einem See von Blut und konnte schon nicht mehr sprechen. Seine Kräfte reichten gerade noch, um seine Augen zu bewegen. Ich zeigte ihm den ledernen Wasserbehälter, den ich bei mir trug und fragte ihn: ‚Willst du etwas Wasser trinken?

 

Seine Lippen waren von der Hitze völlig ausgetrocknet und er wollte sicher etwas trinken. Es war, als wolle er mir mit den Bewegungen seiner Augen sein Leiden mitteilen. Ich öffnete den Wassersack und wollte ihm gerade etwas Wasser geben, als plötzlich aus der Ferne Ikrimas Stimme zu hören war:

 

‚Wasser! ... Wasser! ... Bitte, einen Tropfen Wasser!’

Als mein Neffe diese Rufe hörte, signalisierte er mir mit den Augen, Ikrima das Wasser zu bringen. Ich rannte zu ihm, vorbei an den Märtyrern, die im glühenden Sand lagen. Schließlich erreichte ich Ikrima und wollte ihm gerade die Wasserflasche reichen, als wir auf einmal ´Iyasch stöhnen hörten: ‚Bitte gebt mir einen Tropfen Wasser! Um Allahs willen, einen Tropfen Wasser!’

Als Ikrima seinen Ruf nach Wasser hörte, deutete er mit einer Handbewegung an, ich solle ´Iyasch das Wasser bringen. Genau wie Harith verzichtete auch er darauf, zu trinken.

Als ich ´Iyasch zwischen den Toten und Verletzen fand, hörte ich seine letzten Worte:

‚O Allah! Wir haben um des Glaubens willen unser Leben nicht ge-schont. Verwehre uns nicht die Stufe des Märtyrertums und vergib uns!’

Er war im Begriff zu sterben. Er sah noch die Wasserflasche, die ich gebracht hatte, aber er hatte keine Zeit mehr, zu trinken. Er konnte gerade noch die Worte des Glaubensbekenntnisses aussprechen, dann verschied er.

Ich rannte zurück zu Ikrima und als ich versuchte, ihm zu trinken zu geben, stellte ich fest, daß auch er zum Märtyrer geworden war. Ich lief zu meinem Neffen Harith, doch mußte ich erkennen, daß auch seine Seele zu ihrem Schöpfer zurückgekehrt war. So wurde ich mit Schmerzen Zeuge, wie eine Flasche Wasser auf dem Wege zwischen drei Märtyrern voll blieb.“

 

Dies ist ein Beispiel des hohen Standards islamischer Moralität, wie ihn die frühen Anhänger dieses Glaubens in ihrer Lebensführung verkörperten. Dies waren dieselben Leute, die in der Zeit der Unwissenheit dazu bereit gewesen waren, einander aus nichtigen Gründen umzu-bringen. Durch den Islam hatten göttliche Gnade und Barmherzigkeit in solchem Maße in ihren Herzen Einzug gehalten, daß ihr Zeitalter von späteren Muslimen als ‚das glückliche Zeitalter’ (al-´Asr as-sa´âda) be-zeichnet wird.

Allah der Allmächtige erinnert uns an dieses große Geschenk in dem Vers:

„Und gedenket der Gnade Allahs gegen Euch: als ihr Feinde wart, da einte Er eure Herzen, so daß ihr durch Seine Gnade zu Brüdern wurdet; und ihr wart am Abgrund einer Feuergrube und Er hat euch davor errettet. So macht Allah euch Seine Zeichen klar, auf daß ihr rechtgeleitet werdet.“

Dieser Vers richtet sich an die gesamte Menschheit in Person der Gefährten des Propheten – Allah segne ihn und sie und schenke ihm und ihnen Frieden!

Das gleiche wie für die Araber gilt auch für das Volk der Türken. Vor dem Islam wurde ihr Name in den Annalen der Geschichte in keinem positiven Zusammenhang erwähnt. So hinterließ Atilla auf seinem 7000 km langen Feldzug nichts als vergossenes Blut und Tränen. Nachdem ihnen die Ehre des Islam zuteil geworden war, wurde dieses Volk zu einer der edelsten Nationen, erfüllt von Liebe und Barmherzigkeit für die gesamte Menschheit, die ihren Gegnern mit folgenden Worten begegnete:

„Wie grausam bist du, o Barmherzigkeit, daß du mich meine Feinde lieben läßt!“

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